Wenn ich die zeitgenössische Bildhauerei beobachte, sehe ich, dass abstrakte und formale Denk- und Sehweisen überall zu finden sind. Neben der ästhetischen Wirkkraft solcher Arbeiten, gibt es aber immer die Figuration, in der ein künstlerisches Interesse seine Arbeit leisten kann. Zu diesem Bereich zähle ich meine Plastiken.

Seit mehr als 10 Jahren leitet dieser Satz diesen Text ein, und ich muss anerkennen, dass die ästhetische Abstraktion wohl auf Dauer die Figuration verdrängt hat. Denn was soll die Figürliche Bildhauerei schon noch leisten, wenn doch schon die ersten Darstellungen von lebendigen Wesen in der Altsteinzeit ihren Anfang nahmen. Die Antike einerseits zeigte die Figur von allen Seiten und in allen Lagen, spätere Zeiten gossen alles in Bronze, was in Museen und Privatsammlungen eine gute Figur machte. Neues Material und Werkzeug zeigte seinen unbestrittenen Reiz in herrlichen Neuschöpfungen. Anmut allerdings ist ohne die Figur nicht überzeugend darstellbar. So entfaltet diese reizvolle Kunst ihre Wirkkraft in Ästhetik und Raum.
Vom Menschen erzählen kann offenbar nur die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihm.

Von einer Idee ausgehend, sagen wir den „Code Civil“ von 1804, trägt der Begriff in die Zeit Napoleons, spielt mit der Revolution und dem Ancien Regime, mit den Kriegsschauplätzen bis nach Moskau, aber auch mit den Dichtern und Denkern dieser Zeit. Bezüge zu dem Erstlingswerk „Die Duellisten“ (1977) von Ridley Scott liefern eine andere Sichtweise. Eine Seite der überzogenen Ehre, der Unerbittlichkeit und der Vergebung, nach dem Roman „Das Duell“ von Joseph Conrad. Der Stoff verdichtet sich durch meine Überlegungen zu einer ersten Gestaltungsidee, verlangt verschiedenes Material und so trage ich die Gegenstände zusammen, von denen ich glaube, dass sie in der neuen Figur Verwendung finden. So ist meine Plastik „Husar“ 2010 entstanden.

Zuerst strahlen die Figuren eine imposante Dominanz aus, dann ziehen sie wegen ihrer Machart und der verwendeten Gegenstände das Betrachterinteresse fast magisch an.
Ich statte meine Figuren mit einem Realismus aus, der die Darstellungen in ihren Typisierungen, den Möglichkeiten der Erscheinungen und des Handelns bestimmt. Eine Hermenform ist Ausgangspunkt für den archaischen Korpus und es gibt ein klares Vorne, so dass die Handlung oder Aktion in die beabsichtigte Richtung wirken kann. Die Höhe und Schmalheit soll verwirren: nicht Mensch, nicht Zwerg nicht Gnom. Eine Größe, die noch merkwürdiger wirkt, wenn die Figur auf einem Postament steht und das Kopfelement auf der Augenhöhe des Betrachters ist.
Die statuarische Archaik ist für mich deshalb reizvoll, weil die Veränderung des Menschen eigentlich nur eine chronologische ist; er wandert durch die Zeiten, macht die alten Fehler in moderner Umgebung aufs Neue und ist dabei besonders einfallsreich. Auch wenn das Handeln des Menschen viele Facetten haben mag, so ist es wohl doch unumstößlich, dass die Krieger immer wieder streiten, die Dichter dichten, die Drachen miteinander kämpfen und die Karawanen ziehen werden.

Das „Ringen“ des Menschen mit sich und der Welt, die immer gleichen Archetypen zu sezieren, ist für mich der Anreiz der Auseinandersetzung und gleichzeitig die künstlerische Anstrengung, der Natur ihre Formen und dem Menschsein seinen Geist abzugewinnen. Ich versuche, durch das Neugeschaffene eine ästhetische und künstlerische Gestaltung zu erreichen, die einerseits der Figuration verhaftet bleibt, aber andererseits auch nur durch die Abstraktion zu einer wirkungsvollen Aussage führen kann.

Ich bin kein Theoretiker, der ein Konzept neuer Beziehungen zwischen Kunst und Welt, Mensch oder Material entwickelt, sondern es ergeben sich in einem anregenden und spielerischen Arbeitsprozeß bei der Beschäftigungen mit Geschichten, Ideen und Werkstoffen zauberhafte Beziehungen fast von selbst. Dem Statuarischen der Gestalt steht das Dynamische der Dingseite gegenüber. Diese bizarre Unruhe versuche ich durch das Arrangement der Details herbeizuführen, um jedem Teil im formalen Ganzen eine Funktion zu geben.

Auch wenn ich mich als Bildhauer auf eine einzige Figur beschränke, kann ich ein Geschehen darstellen. Eine unterschwellige Handlung, die kurz vor der „Figurwerdung“ stattgefunden hat, oder kurz nach dieser „Momentaufnahme“ stattfinden wird. Dabei ist in diesem „von etwas her zu etwas hin“ die Kenntnis der Figur – durch den Titel beschrieben – für den Betrachter sehr hilfreich. Durch das Wissen des Betrachters erlangen meine Figuren ihre innere Lebendigkeit und gerichtete Handlung. Von hier aus lassen sie sich in ihren Bedeutungsebenen entschlüsseln, verstehen und subjektiv interpretieren.

Ich arbeite nicht in Stein oder Holz, Metall oder Bronze. Für mich ist der Gegenstand der Werkstoff und Fundus zum Zweck. Daher benutze ich Alltagsdinge, von Plastikprodukten über ausgediente Kostüme mit entsprechenden Accessoires, bis hin zu Möbeln oder Motorteilen. Ob Gegenstände aus Kunststoffen, Holz oder Metallen, Porzellan, Glas, Gummi oder Textilien: alles kann zur entstehenden Figur passen. Damit gebe ich dem vermeintlich Unbrauchbaren eine Geschichte, mit der Absicht, diesen Werkstoffen ähnliche Trägerfunktionen von Informationen zu geben wie die der Bronze, des Marmors oder Edelholzes. In den teilweise aufwendigen Prozessen der Montage von Gefundenem und Weggeworfenem, von Gesammeltem und Angefertigtem sehe ich die Elemente eben nicht als Überrest, sondern es ist auch für mich überraschend, wie viel Poesie und Sensibilität, aber auch delikater Esprit in diesen Dingen stecken kann.

Durch die Skurrilität der Materialkombinationen und die Frontalität wird eine Atmosphäre erzeugt, die den Betrachter ungläubig anzieht. Es sind Plastiken, die grotesk verschroben oder humoresk entstellt scheinen, manchmal aber von brachialer Direktheit, oder arroganter Teilnahmslosigkeit sind. Hermenartig stehen sie da, wie bei einer Grabung entdeckt, als Relikte irgendeiner Vergangenheit nun ausgestellt. Sie sind nicht in heißes Metall gegossene Hymnen an das Material, nicht zu Marmor erstarrte Idealismen einer besseren Welt oder zu Holz gewordene Reliquien elitärer Überzeugungen. Meine Figuren sollen meine Gedanken in einer dreidimensionalen Form speichern. Lesbar für diejenigen, die die alten Symbole und Zusammenhänge kennen, fühlbar für diejenigen, die sich Gedanken machen.

Gerrit Klein